FRITZ PÖLKING PREIS 2021

Sieger: Jasper Doest - Niederlande

Der niederländische Fotograf Jasper Doest kreiert visuelle Geschichten, die die vielfältigen Beziehungen zwischen Mensch und Natur beleuchten. Als studierter Ökologe weiß Doest, dass das menschliche Leben von allem abhängt, was unser Planet zu bieten hat, und dass die derzeitigen Konsummuster der Menschheit auf Dauer nicht nachhaltig sind. Doest glaubt fest an die Kraft der Fotografie, um Veränderungen zu bewirken, und er ist Senior Fellow der International League of Conservation Photographers und Botschafter des World Wildlife Fund. Zu seinen Auszeichnungen gehören vier World Press Photo Awards, und 2020 wurde er zum Europäischen Naturfotografen des Jahres ernannt. Seine Arbeiten erscheinen regelmäßig im Magazin National Geographic.

www.jasperdoest.com

Projekt: Nsenene

Zweimal im Jahr treten nach den Regenfällen in Uganda unzählige Heuschrecken der Art Ruspolia differens auf, die nachts auf der Suche nach Nahrung und Fortpflanzungspartnern riesige Schwärme bilden. Während dieser Zeit bleibt ein großer Teil der Landbevölkerung bis zur Dämmerung auf, um die Insekten, die auf ugandisch Nsenene genannt werden, zu fangen und zu verkaufen. Dies ist eine alte Tradition in Uganda, die Arbeitsplätze schafft und für ein beträchtliches Einkommen sorgt, denn die Heuschrecken gelten als Delikatesse und sind sehr begehrt.

Die Vorhersage der ugandischen Heuschreckensaison ist für die Menschen, die versuchen, in diesem Land mit weit verbreiteter Armut Geld zu verdienen, ein riskantes Unterfangen, da das Auftreten und das Ausmaß der Schwärme stark variieren. Aber viele sind bereit, dieses Risiko einzugehen. Zudem besteht für die Menschen, die am Heuschreckenfang beteiligt sind, die Gefahr gesundheitlicher Spätschäden, die sich aus der langfristigen Exposition gegenüber der UV-C-Strahlung der hellen Lichter, mit denen die Tiere angelockt werden, ergeben. Der Fang der Heuschrecken ist opportunistisch, genau wie die Bürger Ugandas, und das Geschäft mit Nsenenen ist in den letzten Jahren infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs des Landes rasch gewachsen. Gleichzeitig bedrohen der Klimawandel, die Abholzung der Wälder, Palmölplantagen und der Einsatz von Pestiziden auf den Farmen den Lebensraum des Insekts und stellen die Zukunft dieses empfindlichen Ökosystems und seiner Traditionen in Frage.

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Nsenene | 1
Schwärmende Heuschrecken, die in Uganda Nsenene genannt werden, über einem kommerziellen Ernteplatz, wo Licht und Rauch eingesetzt werden, um die Insekten, die für den menschlichen Verzehr verwendet werden, anzulocken und zu betäuben.

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Ruspolia differens ist eine wirtschaftlich bedeutsame Heuschreckenart in Ostafrika, wo es spezielle Märkte für den Vertrieb dieser Insekten gibt. Sie sind reich an Proteinen, essenziellen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralien. Die kommerzielle Zucht dieser Tiere könnte dazu beitragen, die Ernährungssicherheit in der Region zu verbessern, Einkommen für die Einheimischen zu schaffen und die Wildpopulationen langfristig zu erhalten.

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An einem bewölkten Morgen in Ntoroko helfen Kinder beim Tragen der Bleche und Fässer, die beim nächtlichen Fang der Nsenenen verwendet werden. Im Gegenzug dürfen sie die Heuschrecken sammeln, die beim Fang übrig geblieben sind, und diese auf dem lokalen Markt verkaufen.

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Der Katwe-Markt in Kampala ist der wichtigste Umschlagsplatz für Nsenenen in Uganda. Dort werden die Tiere an lokale Händler verkauft. Heuschreckenjäger aus dem ganzen Land kommen hier mit ihren Lieferwagen bei Sonnenaufgang an, um die ersten zu sein, die die frisch gefangenen Insekten verkaufen, die zu diesem Zeitpunkt noch leben und in großen Säcken gelagert werden.

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Seit den 1990er Jahren ist die zweimal im Jahr stattfindende Heuschreckenjagd für immer mehr Ugander zu einem lebenswichtigen Geschäft geworden. Sie bietet Arbeitsplätze für unzählige Menschen: von denen, die sie fangen, über die, die sie verkaufen, bis zu denen, die sie zubereiten. So können Schulden beglichen und Schulgebühren bezahlt werden. Doch in den letzten Jahren wurde es angesichts der sich verändernden Umweltbedingungen und einer wachsenden Zahl von Menschen, die um denselben Fang konkurrieren, immer schwieriger, Gewinne zu erzielen.

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Gegen vier Uhr morgens betrachtet Muntadhar Nasif einige der Nsenenen, die er gefangen hat, als er einem Bekannten bei der Ernte half. Nasif hat schon als kleiner Junge Heuschrecken gefangen, als es sie während der Regenzeit noch im Überfluss gab. Heute, wo es weniger Nsenenen gibt, hält es Nasif, der ein sicheres Einkommen als Reiseleiter hat, für ein zu großes Risiko, in dieses Geschäft zu investieren. Doch viele junge Leute wechseln vorübergehend ihren Job, weil sie ihre Chance in diesem möglicherweise lukrativen Bereich nutzen wollen.

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Ein Mann ersetzt eine Lampe in seiner Fanganlage. Wärme und Helligkeit locken die nachtfliegenden Insekten an. Daher werden die glühenden Spiralen von 400 Watt-Halogenlampen eingesetzt. Diese sind an mehrere Spulen angeschlossen, um ihre Leistung auf 1200 Watt pro Lampe zu steigern. Bei täglichem Betrieb hält ein solches Leuchtmittel nur etwa eine Woche lang. Der Stromverbrauch wird gezählt , wobei einige Anlagen auch illegal das Stromnetz anzapfen.

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Nachtansicht eines Zusammenschlusses einzelner Fanganlagen. Die Fänger haben im Laufe der Zeit entdeckt, dass die stärkere Helligkeit und Wärme, die von ihren kombinierten Anlagen ausgestrahlt wird, die Chancen erhöhen, schwärmende Heuschrecken anzulocken. Da die Zahl der Fänger in Uganda weiter steigt und immer mehr Fanganlagen um dieselbe Beute konkurrieren, sinken die Chancen, in der Saison Geld zu verdienen. Der Boom bei den kommerziellen Fanganlagen birgt neben den fortschreitenden Veränderungen des Klimas und der Lebensräume der Nsenenen auch das Risiko, dass die Art übermäßig ausgebeutet wird. Wissenschaftler befassen sich inzwischen mit der Zucht von Nsenenen, um den Druck auf das Ökosystem zu verringern, ohne dabei das Marktpotenzial zu verlieren.

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Nsenenen, die in einem alten Ölfass gefangen sind, versuchen zu entkommen. Als Mitte der 1990er Jahre einige Bewohner von Masaka die Idee hatten, die Insekten mit starkem elektrischem Licht anzulocken, füllten sich solche Fässer schnell. Heute bleiben sie die ganze Nacht über fast leer. Die Feuchtgebiete Ugandas, der wichtigste Lebensraum der Nsenene zur Eiablage, sind seit 1994 um mehr als 40 % geschrumpft. Und in der Nähe von Masaka sind Sandgruben, Reisfelder und Siedlungsflächen nach und nach in die umliegenden Feuchtgebiete vorgedrungen.

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Früher wurden die Heuschrecken von Hand gesammelt, eine Tätigkeit von Frauen und Kindern, obwohl der Verzehr den Männern vorbehalten war. Es war Tradition, dass die Frauen die Nsenene für ihre Männer sammelten und im Gegenzug neue Gomasi (traditionelle Frauenkleider in Uganda) erhielten. Je mehr Nsenene eine Frau sammelte, desto besser oder schöner war das Gomasi, das sie von ihrem Mann bekam.
Die Kinder halfen ihren Müttern während der Saison beim Sammeln der Heuschrecken. Als es noch keinen Handel mit diesen Insekten gab, bemühten sich Frauen und Kinder, ausreichend Heuschrecken für den Familienvater zu sammeln. Die Nsenene wurden jedoch auf Grundlage von Gegenseitigkeit zwischen den männlichen Verwandten getauscht, was die sozialen Bindungen und Netzwerke förderte und stärkte.
Mitte der 1990er Jahre hatten dann einige Einwohner von Masaka die Idee, starke elektrische Lampen als Fallen zu verwenden, die riesige Schwärme von Nsenenen anlockten und eine neue Einnahmequelle schufen. Heute ist der Handel mit diesen Insekten lukrativ geworden, und Männer und Frauen sind nun gleichermaßen am Sammeln und am Verkauf beteiligt.