FRITZ PÖLKING JUGENDPREIS 2022

Sieger: David Hup & Michiel van Noppen - Niederlande

Als Dokumentarfotograf ist David Hup (*1995) fasziniert von der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Aufgewachsen ist er in einem dicht besiedelten Viertel von Amsterdam und hat daher unsere Beziehung zur Natur in von Menschen dominierten Gebieten aus erster Hand erlebt. Er erforscht, wie wir mit der Natur interagieren und wie unser Handeln Ökosystemen schaden oder nützen kann. David nutzt die Fotografie, um das Bewusstsein für unseren Einfluss auf die Natur zu schärfen, mit dem Ziel, eine nachhaltige Grundlage für eine Koexistenz zu schaffen.

Michiel van Noppen (*1997) ist ein junger Fotograf, der sich auf Themen aus den Bereichen Ökologie, Naturschutz und Naturgeschichte spezialisiert hat. Durch sein Biologiestudium hat er ein tiefes Verständnis für die wissenschaftliche Welt und die Wunder, die die Natur hervorbringt. Mit einem Fuß in der akademischen Welt und dem anderen in der Praxis hofft er, dass seine Fotos eine Verbindung zwischen beiden herstellen und Wissenschaftlern, Naturschützern und lokalen Gemeinschaften eine Stimme geben können, um die immer schneller schwindende und zugleich immens wichtige natürliche Welt besser schützen zu können.

Michiel van Noppen und David Hup

Projekt: Ein Bär im Hinterhof

Eine Geschichte über die tief verwurzelte Verbindung zwischen der letzten verbliebenen Wildnis Europas und einer jungen Demokratie namens Rumänien

Diese Geschichte ist das Werk zweier junger Niederländer, die eine gemeinsame Liebe zu Rumänien verbindet, und die vier Jahre lang zwischen Arbeit und Studium dorthin gereist sind, um einen der letzten Orte auf diesem überbevölkerten Kontinent zu dokumentieren, der noch echte Wildnis zu bieten hat. Mit dieser Fotostory wollen sie einen wunderschönen, aber oft übersehenen Teil Europas und eine der zahlreichen Herausforderungen, denen er sich stellen muss, dokumentieren.

In den Dörfern, die im Schatten der Karpaten liegen, ist die Präsenz des Bären deutlich zu spüren. Aufgrund der illegalen Abholzung der alten Wälder wird der Lebensraum und damit die Nahrung für die Bären immer knapper. Auf der Suche nach Futter müssen sie aus den uralten Wäldern hinab in die Dörfer wandern, was regelmäßig zu Konflikten mit den Ortsansässigen führt.

In mehreren Städten Siebenbürgens werden die Bären aber auch jeden Winter durch den traditionellen Ursul-Tanz verehrt. Ein Tanz, der dazu dienen soll, die Erde fruchtbar zu machen und zu reinigen, böse Geister zu vertreiben und das neue Jahr zu begrüßen.

Die überdurchschnittlich große Bärenpopulation Rumäniens ist eine Spätfolge der kommunistischen Ära, als Nicolae Ceausescu an der Macht war und die Bärenjagd untersagte – ein Verbot, von dem nur er selbst und seine Gäste ausgenommen waren. Das hat dazu geführt, dass in Rumänien heute rund 6.000 Bären leben, was der Hälfte der europäischen Population entspricht. Die Probleme der Koexistenz zwischen Bär und Mensch haben mittlerweile Priorität auf der politischen Agenda erlangt, doch die Debatte über die richtige Vorgehensweise ist aufgrund der zahlreichen Beteiligten sehr komplex. Und während die Diskussionen weitergehen, kommt es immer wieder zu Konflikten: Hirten haben schlaflose Nächte, wenn sie versuchen, ihre Schafe zu schützen, und Bären durchbrechen immer noch Zäune, um sich an Abfällen zu laben.

Wir widmen diese Geschichte Goia Natalia, unserer geliebten „rumänischen Mutter“, die leider am 16.06.2022 verstorben ist.

David Hup & Michiel van Noppen |

Bären-Tanz
Beim traditionellen Ursul-Tanz in Comănești an den nordöstlichen Hängen der Karpaten tanzen die Menschen in Bärenfellen, die mit buschigen, leuchtend roten Schulterquasten besetzt sind. Dieses Ritual wird in vielen Städten und Dörfern der Region in den letzten Dezembertagen durchgeführt, um die Erde fruchtbar zu machen und zu reinigen, böse Geister zu vertreiben und das neue Jahr zu begrüßen.

David Hup & Michiel van Noppen | Tatzen zum Nachdenken | Paws for thought

Tatzen zum Nachdenken
Selbst kleine Kinder, wie dieses Mädchen in Onești, tanzen beim Ursul-Tanz mit, trotz des Gewichts des Kostüms, das bis zu 50 kg wiegen kann. Auch die Menschen in Onești müssen mit der Anwesenheit von Bären in ihrer Stadt leben.

David Hup & Michiel van Noppen | Neugierige Nachbarn | Nosy neighbours

Neugierige Nachbarn
Eine Bärenmutter führt ihre Jungen durch eine Stadt in Siebenbürgen. Die Stadtbewohner sind mittlerweile an solche Situationen gewöhnt, die für Mensch und Tier gefährlich werden können. Bärenangriffe auf Menschen, an denen in der Regel Jäger, Wildhüter oder Hirten beteiligt sind, nehmen zu, und immer wieder werden Bären im Straßenverkehr verletzt oder getötet.

David Hup & Michiel van Noppen | Futtersuche im Müll | Grabbing garbage

Futtersuche im Müll
Diese Bärenmutter hat gerade eine Mülltonne umgekippt, in der Hoffnung, einen nächtlichen Snack für ihre Jungen zu finden. Wenn die Nacht hereinbricht und die Straßen still werden, kommen die Bären heraus und suchen nach Nahrung.

David Hup & Michiel van Noppen | Im natürlichen Lebensraum | In her natural habitat

Im natürlichen Lebensraum
Mit Hilfe einer Fotofalle gelang diese Aufnahme eines großen Bärenweibchens in einem rumänischen Wald. In freier Wildbahn passen sich die allesfressenden Braunbären in ihren Ernährungsgewohnheiten den Jahreszeiten an: Sie fressen Insekten, Reptilien und Säugetiere sowie Gras und frische Triebe im Frühjahr, Beeren im Sommer und dann Früchte und Nüsse im Herbst, um sich vor dem Winterschlaf eine ausreichend dicke Fettschicht anzufressen.

David Hup & Michiel van Noppen | Porträt eines Bären | Bear portrait

Porträt eines Bären
Während der fast 25-jährigen Diktatur von Nicolae Ceaușescu verdoppelte sich die Bärenpopulation in Rumänien nahezu und umfasste bei seiner Absetzung im Jahr 1989 schätzungsweise 7.500 Tiere. Die Wälder wurden bärengerecht bewirtschaftet und zusätzliches Futter für die Tiere bereitgestellt. Nur der Despot und seine Gäste durften die Bären bejagen.

David Hup & Michiel van Noppen | Raubbau | Logging area

Raubbau
In diesem Tal wird das Holz gesammelt, das in der gesamten Region geschlagen wird: Vallei Doftanei. Hier werden die Stämme sortiert, grob verarbeitet und anschließend in den Rest Europas verschifft. Rumänien beherbergt einen der letzten verbliebenen Urwälder Europas. Kahlschläge, die in der Regel illegal erfolgen, sind in den Bergen an der Tagesordnung, wodurch der natürliche Lebensraum der Braunbären immer kleiner wird.

David Hup & Michiel van Noppen | Auf dem Friedhof | Grave situation

Auf dem Friedhof
Die zunehmende Zahl von Bären, die in Wohngebiete eindringen, führt zu surrealen Bildern wie diesem, das einen Bären zeigt, der auf dem Weg von seinem Zuhause im Wald zur Futtersuche in der Stadt einen Friedhof überquert. Über den richtigen Umgang mit der rumänischen Bärenpopulation wird heftig diskutiert, zumal Angriffe auf Menschen in den letzten Jahren immer häufiger geworden sind.

David Hup & Michiel van Noppen | Junkfood | Junk food

Junkfood
In einer Kleinstadt in den Karpaten durchstöbert ein pelziger Besucher eine überfüllte Mülltonne, in der Hoffnung, etwas Essbares zu finden. Bären sind Gewohnheitstiere und suchen die Mülltonnen jede Nacht in einer bestimmten Reihenfolge auf.

David Hup & Michiel van Noppen | Fragwürdiges Schauspiel | Questionable spectacle

Fragwürdiges Schauspiel
Etwa eine Stunde von Brasov entfernt liegt ein Tal, das von Bären besucht wird, die in extra aufgestellten Behältern nach Essensresten suchen, die von den Einheimischen dort deponiert werden. Die Menschen versammeln sich dann, um das „Schauspiel“ zu genießen. In der Nacht, als dieses Bild entstand, haben Dutzende von Menschen getrunken, geschrien und Feuerwerkskörper angezündet, während sie auf die Bären warteten, die in der Abenddämmerung kamen.