FRITZ PÖLKING PREIS 2020

Kommentar der Jury 2020

Der Fritz Pölking Preis als Portfolio- und Story-Wettbewerb zählt sicherlich zu den interessantesten Wettbewerben der europäischen Naturfotografie. Trotzdem verzeichnete er in den vergangenen Jahren eine recht geringe Zahl von Einreichungen. Das spiegelte sich zwar nicht in den gewählten Siegerserien wider, aber trotzdem verblieb unter den jeweiligen Juroren oftmals das Gefühl, dass das große Potenzial dieses Wettbewerbs nicht voll ausgeschöpft wurde. Jetzt, im Jahr 2020, ist alles anders. Erstmals hatten sich der Tecklenborg Verlag und die GDT dazu entschieden, den Fritz Pölking Preis als Sonderkategorie in den Wettbewerb Europäischer Naturfotograf des Jahres zu integrieren. Eine gute Entscheidung; das wurde den insgesamt sieben Juroren, die sich zu einer Sondersitzung zusammenfanden – im Corona-Jahr selbstverständlich per Videokonferenz –, schnell bewusst. Wir sahen Bildserien, die die einzigartige Ästhetik natürlicher Erscheinungen zeigten, und solche, die sich dem Verhalten einzelner Tierarten in facettenreichen Bildern widmeten. Wir sahen faszinierende Fotos aus der Luft oder aus den Tiefen des Meeres, und immer wieder begegneten uns auch jene Geschichten, die das Zusammenwirken von Mensch und Natur thematisierten. Hier wurde deutlich, dass der Fritz Pölking Preis unter den neuen Vorzeichen verstärkt Themen von internationaler Relevanz angezogen hat, was auch an dem diesjährigen, aus Mexiko stammenden Gesamtsieger zu sehen ist. Betrachtet man die Einreichungen in diesem Jahr, zählten sicherlich diejenigen zu den stärksten, die dem Genre der (Natur-)Reportage zuzuordnen sind. Und das verwundert wenig in einer Zeit, in der auch die öffentliche Debatte zunehmend von Themen wie Klimawandel, Zerstörung natürlicher Lebensräume oder Artenschutz geprägt ist. Geschichten über die Natur gewinnen eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung und sind keinesfalls einer kleinen Nischengruppe von Biologen oder Naturfotografen vorbehalten. Mit diesem Bewusstsein entfaltete sich im Laufe der Videokonferenz unter den Juroren gleichsam eine kontroverse Diskussion: In welche Richtung bewegt sich die Naturfotografie im Jahr 2020? Würden Geschichten, die auf die Gefährdung und Zerstörung der Natur, auf ihre Ausbeutung durch den Menschen aufmerksam machen, künftig im Mittelpunkt stehen? Oder sollte sich die Naturfotografie auf die positiven Seiten konzentrieren, auf die Schönheit der Natur und ihre immense Vielfalt? Es waren durchaus fundamentale Fragen, die da diskutiert wurden, und die Debatte wird künftig sicherlich in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen lebhaft fortgeführt.

Am Ende konnten wir uns im Rahmen der Jurierung darauf einigen, dass „beide Seiten“ zu einer modernen Form der Naturfotografie zählen sollten. Und wir einigten uns auf einen Sieger namens Alejandro Prieto und dessen Serie über die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Seinen Bildern gelingt das Kunststück, einerseits eine Geschichte über die Situation rund um die Grenze zu erzählen und andererseits viel von dem Wesen der einzelnen Tierarten und ihren Verhaltensweisen zu berichten. Mit dieser Gratwanderung schafft er es, sein Thema in einer Art und Weise zu präsentieren, die uns als Betrachter visuell anspricht und uns damit in das Geschehen einbezieht. Die Bilder lassen uns reflektieren über unser Verhältnis zur Natur und über unseren Platz in der Welt. Darüber hinaus wirken diese Tierfotografien auch in einer hochaktuellen politischen Dimension, denn sie lassen erahnen, welche weiteren gravierenden Auswirkungen die Erbauung einer „richtigen“ Mauer an diesem und anderen Orten auf der Welt haben würde. Alejandro Prietos Serie wirft Fragen auf, die in unserer Gegenwart von enormer Dringlichkeit sind und sie zeigt, dass die Grenzen der Naturfotografie noch lange nicht definiert sind.

Die Gewinnerserie des Fritz Pölking Jugendpreises ist ein Paradebeispiel, wie die moderne Naturfotografie die Schönheit der Natur zu zelebrieren vermag. Florian Smits Bilder vom Unglückshäher in den Wäldern Lapplands führen den Betrachter tief hinein in einen Mikrokosmos von Wildnis, in den eng umgrenzten Lebensraum eines einzelnen Tieres. Der Fotograf betont mit seiner vielseitigen und kraftvollen Bildsprache die Schönheit dieses faszinierenden Vogels und vermittelt zugleich die fast schon intime Nähe, die zwischen dem Fotografen und seinem Motiv in diesem abgelegenen Teil im Norden Europas geherrscht haben muss. Florians Serie über den Boten des Unglücks ist eine vergleichsweise kleine Geschichte über ein Geschehen in der Natur, doch ihre Wirkung kann ähnlich intensiv sein wie eine Erzählung über die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Sie zeigt uns die verborgene Seite einer Natur, die immer zerbrechlicher wird und die umso mehr von jedem von uns geschützt werden muss.