FRITZ PÖLKING PREIS 2017

Kommentar der Jury 2017

Von Florian Nessler

Tagtäglich werden wir von einer Flut von (Natur-)Bildern überspült. Löwen im warmen, weichen Licht der afrikanischen Abendsonne oder nach Aufmerksamkeit heischende und im grellsten Grün strahlende Nordlichter über den Stränden der Lofoten. Oft gut fotografiert, oft spektakulär, ins Auge stechend, stumm und doch auf den ständig überlaufenen Schau- plätzen der sozialen Medien laut rufend: „Hier bin ich! Gebt mir ein Like!“.
Erhört zu werden, fällt nicht immer leicht, schon gar nicht, wenn um einen herum alle versuchen, sich gegenseitig zu übertönen. So ergibt es sich zwangsläufig, dass viele Fotografen*innen, um erfolgreich zu sein, den Weg des geringsten Widerstandes gehen und den vorherrschenden Trends folgen. Polarlichter auf den Lofoten, spektakuläre Eis-, Schnee- und Gesteinsformationen auf Island, brunftende Rothirsche in den Niederlanden oder Gazellen jagende Geparde in Namibia.
Ich brauche hier nicht zu schreiben, wie viele Suchergebnisse Google anzeigt, wenn man nach einem der eben genannten Themen sucht. Doch das ist ja alles nichts Neues.

von links: Gisela Pölking, Dieter Damschen, Marc Hesse, Stefanie Tecklenborg, Florian Nessler 

Trends wurde schon immer nachgejagt, egal, ob in der Mode, der Malerei oder eben der Fotografie, und dies ist ja auch vollkommen legitim. Doch es dauert oft nicht lange, und das Besondere wird zum Alltäglichen, das Aufregende zum Langweiligen (und ganz ehrlich, wie viele von Euch fangen spontan an zu gähnen, wenn sie Island und Fototrip in einem Satz hören?).

Es geht aber auch anders. Man kann auch ohne das große Orchester auskommen und ruhig, aber bestimmt mit Bildern eine Geschichte erzählen, die den Betrachter fesselt. Doch dies setzt voraus, dass man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt; man viel Zeit investiert, sich Wissen aneignet, plant und probiert, gelegentlich scheitert und trotz Rückschlägen weitermacht. Es ist wichtig, dass man auch wirklich etwas zu sagen hat, nicht nur vor sich hinplappert, sondern sein Publikum fordert; es zum Nachdenken und Verweilen bringt oder zum Träumen und Treibenlassen.

Als am Wochenende der Jurierung zahlreiche Bilder an uns vorbeizogen, hatte ich oft das Gefühl, in einem Klassenzimmer voller laut durcheinanderschreiender Kinder zu sitzen, die, aufgrund der Aufgabe, die die Lehrerin soeben gestellt hatte, alles in den Raum hineinrufen, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Ich brauche wohl nicht weiter zu erläutern, worauf ich hinaus will … . Nur wenige Portfolios schafften es, uns innehalten zu lassen, brachten uns zum Diskutieren und Nachdenken.
Doch woran liegt das? Warum fällt es so schwer, ein Thema konsequent und geradlinig zu bearbeiten, warum gibt es so wenig gute Fotoreportagen? Ist es die Angst vor dem Scheitern und der damit vermeidlich verschwendeten Zeit? Ist es die eigene Faulheit und/oder Antriebslosigkeit, die einen davon abhält, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen? Oder wird der Wert einer Reportage geringer bewertet im Zeitalter der sozialen Medien und knallhart kalkulierter Aufwand-Nutzen-Rechnung, wo ein einzelnes, spektakulär erscheinendes Bild mehr Likes und damit mehr Nutzen generiert?

Es muss ja auch nicht immer in die Ferne gehen, keine teure und aufwendige, expeditionsartige Reise ins Unbekannte sein. So viel Gutes liegt praktisch vor der Haustür. Was auf die beiden diesjährigen Siegerportfolios des Fritz-Pölking-Preises von Karsten Mosebach und Sergio Marijuán praktisch wortwörtlich zutrifft. Während Karsten es immer wieder auf einen Bauernhof in der Nachbarschaft zog, verlor Sergio sich in der Ruhe und Schönheit der Natur seiner spanischen Heimat.

Als Karsten Mosebach von den Schleiereulen in der Nachbarschaft hörte, wollte er anfangs lediglich ein paar Flugaufnahmen der nachtaktiven Vögel machen. Doch schnell verliebte er sich nicht nur in sein eigentliches Motiv, sondern auch in das Drumherum. Ein Bauernhof wie aus der Zeit gefallen mit einer Scheune, die sich ächzend dem Verfall entgegenstemmt. Auf der Diele Schafe, Ziegen, ein paar Enten; auf dem Boden Heu, Stroh und Getreide. Die zum Teil zerbrochenen Fensterscheiben nutzen die Schleiereulen als Ein- und Ausflug, den Dachboden als Ruheplatz oder zum gelegentlichen Mäusejagen. Was aus dem anfangs geplanten kurzen Besuch für ein paar Flugaufnahmen geworden ist, sieht man nun hier. Die Quintessenz einer mehrere Monate dauernden Arbeit, in der Karsten nicht nur immer wieder neue Ideen entwickelt, sondern diese auch auf verschiedenste Art und Weise fotografisch umgesetzt hat. Das Portfolio gibt uns so nicht nur einen faszinierenden Einblick in das Leben und den Lebensraum der Schleiereulen, es zeigt auch auf eindrucksvolle Weise, was entstehen kann, wenn man seinen inneren Schweinehund überwindet, und den Mut und die Energie aufbringt, damit aus einer kleinen Idee ein großartiges Projekt werden kann.

Der diesjährige Sieger der Jugendkategorie des Fritz-Pölking-Preises, Sergio Marijuán, fand die Motive seines Portfolios ebenfalls in seiner Heimat. Wobei durchaus die Frage erlaubt ist, ob seine Motive nicht viel mehr ihn gefunden haben. Sergios Fotografien zeigen uns flüchtige Momente, kurze Begegnungen, die sich trotzdem tief in sein Gedächtnis eingebrannt haben. Der mit dem ersten Licht des beginnenden Tages erwachende Wald, zögerliches Vogelgezwitscher in den Baumkronen, ein Gefühl innerer Ruhe und tiefer Verbundenheit. Plötzlich ein rasch vorbeiziehender Schatten im Augenwinkel, Aufregung, die Gedanken im Wald, die Hand am Auslöser. Ein Atemzug, das Klicken des Verschlusses … Dankbarkeit. Viele kennen solche Momente, und vielen fällt es schwer, die Gefühle, die so eine Begegnung auslösen, zu beschreiben. Doch Sergio gelingt es, mit seinen Bildern genau das auszudrücken, die Essenz dieser flüchtigen Begegnungen festzuhalten und uns so für einen Moment in die ferne Wildnis der iberischen Halbinsel zu versetzen.

Dass das Gute so nah liegt, galt schon zu Goethes Zeiten; dass es auch heute noch so ist, beweisen unsere beiden Sieger des Fritz-Pölking-Preises 2017.

Also, begeisterte Naturfotografen und –fotografinnen: Geht raus, erkundet die nahen Wälder, kriecht im Dreck hinter Eurem Haus herum! Zeigt uns, was Euch begegnet, was Euch berührt und bewegt. Bleibt hartnäckig, lasst Euch nicht von Eurem Weg abbringen, und gebt nicht auf. Die Welt ist ein Buch voller Geschichten, die erzählt werden wollen, und es gibt genug begeisterte Zuhörer, die unterhalten werden wollen! Es braucht nur Jemanden, der bereit ist, die erste Seite aufzuschlagen