FRITZ PÖLKING PREIS 2016

Kommentar der Jury 2016

Von Patrick Brakowsky

Eine erwartungsvolle Spannung liegt in der Luft, wenn sich eine Handvoll Juroren in einem dunklen Raum vor einer leuchtenden Leinwand versammelt, um für mehrere Stunden die Ergebnisse von in der Regel intensiver naturfotografischer Arbeit zu beurteilen. Doch vor der professionellen Beurteilung steht eigentlich etwas ganz anderes: Der Genuss von guten Bildern und der Wunsch, neue Sichtweisen auf unsere natürliche Umwelt durch das Medium Fotografie zu erhalten. Das ist in der allgegenwärtigen Bilderflut unserer Zeit zugegebenermaßen kein einfaches Ziel, und immer wieder ertappt man sich als Juror bei dem abfälligen Gedanken „Alles schon gesehen“.


hinten:
Gisela Pölking

vorne von links:  Paul Kornacker, Jan van der Greef, Solvin Zankl, Wettbewerbsleiter Marc Hesse und Patrick Brakowsky

Aber dann gibt es sie eben doch noch: Die Momente des Verblüfftseins über die Möglichkeiten, die die Fotografie uns bietet. Und schließlich die Erkenntnis: „Das habe ich so noch nicht gesehen.“ Gerade der Fritz Pölking Preis eignet sich hervorragend für solche „Aha-Momente“, denn er ermöglicht es den Fotografen, ein Thema jenseits eines gelungenen Einzelbilds weiterzuerzählen, es inhaltlich und künstlerisch „auszubreiten“, und damit eine eigene fotografische Sprache zu entwickeln. Schade nur, dass dies, wie schon in den Jahren zuvor, vielen Fotografen nicht so recht gelang. Statt eine Geschichte voranzutreiben, verloren sich die Bilderserien oft in Wiederholungen oder ihnen fehlte der inhaltliche oder stilistische Zusammenhalt. Entsprechend zügig bewegten wir uns durch die ersten Auswahlrunden, bis wir in der Erwachsenen- und der Jugendkategorie unsere Favoriten auserkoren hatten.
In dieser finalen Phase der Jurierung blickten wir ein weiteres Mal auf die Bilder des Norwegers Audun Rikardsen. Es waren Aufnahmen von großer Intensität, die den Betrachter unmittelbar in ein komplexes Geschehen einführen. Das Porträt eines umkämpften Lebensraums, in dem Wale, Heringe und Menschen aufeinandertreffen, aufgenommen aus ungewöhnlichen, selten gesehenen Blickwinkeln. Und das war es schließlich, was wir uns erhofft hatten: Neue Perspektiven. Dem Fotografen gelingt das Kunststück, in seiner Serie eine Symbiose aus eindringlicher Fotoreportage und stimmungsvoller Tierfotografie zu erschaffen. Meisterhaft versteht er den Umgang mit Licht – oder vielmehr mit Dunkelheit – und setzt sein selbst entwickeltes Blitzlichtsystem ein, um in der Tiefe der norwegischen Winternacht einen an der Wasseroberfläche schwimmenden Buckelwal im Moment des Luftaustritts geradezu mystisch zu inszenieren. In einem anderen Bild zeigt er im Reportagestil den gefährlichen Moment, als sich ein Schwertwal dem Fang eines Fischerbootes nähert. Trotz dieser vermeintlichen Stilbrüche bleibt Rikardsen in seiner Arbeit immer konsequent und zeigt die Tiere stets im Kontext zu ihrer Umgebung oder der jeweiligen Situation. Mithilfe der Split-Level-Perspektive gelingt es ihm immer wieder, unterschiedliche Ebenen seiner Geschichte zu verbinden. Wale – Landschaften – Heringe – Fischerboote – Vögel am Himmel: Audun lässt niemals die Zusammenhänge aus den Augen und erzählt uns seine Geschichte mit viel Nähe und Aufrichtigkeit.

Ähnlich wie Audun Rikardsen, der seine wissenschaftliche Forschungstätigkeit mit der Fotografie verbindet, geht auch der junge Franzose Quentin Martinez in seiner Arbeit vor. Er entführt uns allerdings in völlig andere Weltgegenden: die Tropen Französisch-Guineas und Borneos sowie nach Frankreich. Das Ziel des Biologie-Studenten ist es, die Menschen für die dortige Fauna, vornehmlich Amphibien und Reptilien, zu sensibilisieren, und auch ihm gelingt es, die eigene Forschung mit den kreativen Mitteln der Naturfotografie in Einklang zu bringen und so zu ausdrucksstarken Bildern zu kommen. Quentin nimmt uns mit ins tropische Unterholz, führt uns an versteckte Orte, taucht in bernsteinfarbene Flüsse ein und gewährt gleichsam Blicke in den weiten Lebensraum von sehr kleinen Tieren. Alle Bilder umgibt dabei etwas Geheimnisvolles, oftmals auch Düsteres, zugleich aber drücken sie eine Form von Zerbrechlichkeit aus, die einem Kerngedanken der Naturfotografie, dem Schutz von Natur und Umwelt, eine Stimme verleiht. Mit seinem ambitionierten Ansatz und seiner kraftvollen Bildsprache konnte sich Quentin Martinez gegen die wie immer starke Konkurrenz in der Jugendkategorie durchsetzen. Auch wenn uns die gezeigten Tiere nicht neu sind, gelingt es auch diesem Portfolio, dem Betrachter eine neue Perspektive zu schenken. Hierfür kann man beiden Preisträgern dankbar sein.