Monatskritik

April 2010 - Mai 2010


1.Bild


Autor des Bildes:     Nicolas Persch

Kommentator:         Florian Möllers, Martin Eisenhawer

 
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Kommentar Florian Möllers


Familie Kanadagans beim Shooting für das lang ersehnte Familienporträt – die Alten haben sich in Schale geworfen und sehen klasse aus, die Jungen benehmen sich vorbildlich bis auf den Einen, der sich eh ständig aus der Reihe tanzt, alle schauen entspannt nicht in die Kamera – ein guter Moment, ein gutes Bild.
Was etwas albern klingt, hat vielleicht beim zweiten Drübernachdenken doch seine Berechtigung. Egal, ob wir Menschen oder Tiere oder auch Pflanzen porträtieren, als Individuen, als kleine Gruppe oder als Familie, wir sollten alles dransetzen, sie möglichst gut aussehen zu lassen und ihnen diese gewisse Etwas zu verpassen, das aus einem guten Bild ein starkes Porträt macht. Gerade vor dem Hintergrund, dass sich unsere tierischen Motive kaum über ein nicht ganz so gelungenes Porträt beschweren werden. Die Beschwerdeführung muss der Fotograf für sich selbst übernehmen und vor der Aufnahme einkalkulieren. Finde ich.

Licht: dem Schatten nach zu urteilen schräg von rechts, oben. Und da liegt eine Schwäche des Bildes – das Licht ist für ein solches, inniges Porträt zu hart.

Vorder-/ Hintergrund:  Eigentlich gut aufgelöst, mit ausreichender Andeutung einer Spiegelung der Familie im Wasser, weitaus schöner wirkte auch der Hintergrund bei weicherem Licht (tieferer Sonnenstand, noch besser: bedeckter Himmel)

Perspektive: Da geht noch was bei der Annäherung Richtung Grasnarbe! Mögliches Resultat: mehr Spannung, mehr Nähe zwischen Betrachter und Motiv

Moment: Wie schon gesagt: die Gruppe gut getroffen, dass einer „rumwurschtelt“ finde ich nicht ganz so schlimm.

Wettbewerbschancen: Dafür passen die diversen Kleinigkeiten noch nicht so ganz, eher schlecht.

Verkaufschancen:  Das Bild lässt sich bestimmt verkaufen, Familie, Emotion und kleine „Entchen“ gehen immer. Aber für die große Bühne in einem schönen Kalender oder Bildband reicht es wohl noch nicht. Als Bildredakteur würde ich mir wünschen:
Blickkontakt Altvögel, jüngere (gelbere) Gössel, besseres Licht, bessere Perspektive, Gössel alle zwischen den Altvögeln, alle Köpfe der Gössel hoch und Blick in die Kamera – jau, das ist ne gehörige Portion Kitsch, aber so tickt die Welt.

Fazit: Es bleibt ein gutes Bild mit zahlreichen kleinen Verbesserungsmöglichkeiten, die in der Summe für gehörig mehr Eindruck beim Betrachter sorgen können.



Kommentar Martin Eisenhawer


Dieses Bild zeigt ein alltägliches Motiv. Kanadagänse mit Jungen. Das ist an sich nicht verkehrt, es gibt tolle Bilder von z.B. Stockenten welche bei der BBC und in anderen Wettbewerben prämiert wurden. Diesem Bild fehlt es aber an einer besonderen Komponente und ausserdem hat es technische und gestalterische Schwächen.
Kommen wir vielleicht zunächst zu den technischen Schwächen: die Schärfe ist weder kreativ selektiv eingesetzt noch sind alle Tiere scharf. Gerade bei solchen Gruppen muss der Fotograf sich für das Eine oder das Andere entscheiden. Also entweder noch weiter abblenden für maximale Tiefenschärfe oder vielleicht nur das Auge eines Tieres scharf und den Rest verschwommen. Dabei dürfen dann allerdings die unscharfen Tiere nicht stören.
Der in Bezug auf die Helligkeit unruhige Hintergrund stört hier, er lässt dem Auge keinen klaren Bezugspunkt. Eine durchgehend dunkle Wasseroberfläche wäre hier besser gewesen. Der Schatten auf der Wange des rechten Altvogels stört hier auch, ein gleicher Winkel des Kopfes wie der linke Altvogel wäre homogener gewesen.
Je nach Hintergrund und Grösse der Wasserfläche wäre eine tiefere Perspektive eventuell wirkungsvoller gewesen.

Dann kommen wir zum Verhalten: es ist eben leider kein interessantes Verhalten zu sehen, das Bild wirkt als wäre es recht beiläufig beim Vorübergehen gemacht worden. 
Ich hoffe, dass diese Kritik Dich nicht entmutigt sondern im Gegenteil helfen kann und Dich anstachelt. Wenn ich einen Vorschlag an alle machen darf dann würde ich sagen, dass sich immer ein längeres Beschäftigen mit den Motiven auszahlt. Beobachtet interessantes Verhalten, beobachtet nicht nur die Tiere sondern auch den Hintergrund, beobachtet das Licht. Fragt Euch: Was möchte ich mit dem Bild aussagen, welche Wirkung hat es auf mich und (hoffentlich) auf einen Betrachter?

Ich wünsche dabei viel Spass, Übung mache den Meister. 



2.Bild


Autor des Bildes:     Radomir Jakubowski

Kommentator:         Martin Eisenhawer, Florian Möllers

 
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Kommentar Martin Eisenhawer

Das Wichtigste vorweg: dieses Bild spricht mich schon in den ersten Sekundenbruchteilen nach Öffnen der Datei an. Weswegen? Mir gefällt die Blickführung auf das Hauptmotiv. Diese wird sowohl durch die Halos des Gegenlichtes um den Moschusochsen selbst als auch durch die Halos um die Pflanzen, die die Basis bilden auf der das Tier steht und natürlich auch durch die Bilddiagonale der Berge im Hintergrund erzeugt. Dann gefallen mir die Low-key Stimmung und die Beschränkung auf Grautöne sehr, das Bild strahlt eine dunkle Kraft der Natur aus. Der Moschusochse trotzt der Zeit und dem Wetter. Die Wahl des Panoramaformats ist in Ordnung, ich hätte mir aber etwas mehr Basis gewünscht, das Bild ist etwas nah unter dem Moschusochsen abgeschnitten. Aber: Bravo, das ist für mich ein gut komponiertes Bild mit sehr guter Behandlung des Lichtes, welches Emotionen erweckt. 


Bezüglich der Chancen für einen Wettbewerb möchte ich Folgendes sagen: Jeder Wettbewerb hängt von der Jury ab und der Erfolg eines Bildes ist demnach auch nicht voraussagbar. Einen Aspekt teilen aber die meisten Wettbewerbe, zumindest die mit vielen Einsendungen: Die Jury hat bei der Vorjury oder beim ersten Durchschauen generell nur ein paar Sekunden Zeit pro Bild. Wegen der schnellen Wirkung dieses Bildes hätte es beim ersten Durchsehen auf jeden Fall meine Stimme bekommen. Ob es gewonnen hätte oder nicht hängt dann von den anderen Jury-Mitgliedern und der Qualität und Akzeptanz der anderen Bilder ab.



Kommentar Florian Möllers


Mit Moschusochsen ist das seit den Bildern von Vincent Munier so eine Sache. Es gibt eigentlich nur noch die Messlatte „Großartig und Noch Besser“. Vincent Munier nutzt allerdings die weiße Winterlandschaft als Bühne, fast schon als Studio  – und macht es sich damit einfacher als diejenigen, die versuchen, die Tiere in den Farben des sommerlichen oder herbstlichen Bergen abzulichten.
Ein Foto in s/w umzuwandeln, ist ein ähnlicher Ansatz in meinen Augen, eine Vereinfachung, die das Bild auf seine wesentlichen Elemente reduzieren soll. Besonders in chaotischen Szenarien mit vielen unterschiedlich gewichteten Bildelementen, Schatten, Licht, Kontrasten, Farben, hilft diese Vereinfachung dem Betrachter oftmals, einen schnelleren Zugang zum eigentlichen Inhalt des Bildes zu gewinnen. Das bedeutet nicht, dass ein Foto dadurch auch immer gewinnt.
Was mir bei diesem Bild trotz – und gerade – wegen der s/w Umwandlung ins Auge fällt ist das Licht:
herrliches, flaches nordisches Licht, das die urige Form des Tieres umrahmt, begrenzt und gegen die dunklen Elemente im Hintergrund (Bergrücken) abgrenzen hilft. Die Vegetation funkelt, das Bild hat trotzdem eine tiefe Ruhe und Einfachheit – zwei große Flächen (Himmel, Berge & Wiese), wenige Formen, zwei Farben in verschiedenen Schattierungen: der s/w Effekt.

Man ist versucht, sich von der schönen Szene, dem tollen Licht und dem urigen Tier einlullen zu lassen.
Kritisch betrachtet gibt es aber einen ganz wesentlichen Schwachpunkt, der diese Fjällidylle doch gehörig stört. Der Moschusochse (oder besser: der Fotograf) steht falsch.
Die schöne Diagonale des Bildes läuft durch ihn hindurch, das s/w lässt ihn zusätzlich mit der Form der Berge verschwimmen, was noch verstärkt wird durch den Beschnitt des Bildes. Der verdichtet diesen Eindruck – mehr Himmel, mehr Leichtigkeit würde ihn wieder reduzieren. Die Silhouette des Tieres, die es eigentlich als eigenständige Form aus dem Schwarz herauslösen soll, ist in meinen Augen hier nicht stark genug, weil die Linien des ersten Bergkamms im Hintergrund diesen Überraschungseffekt vermindern.

Licht: soweit ich das beurteilen kann: herrlich

Vorder-/Hintergrund: siehe oben – sie machen dem Hauptmotiv zu viel Konkurrenz – trotz (oder gerade?) wegen des s/w Effektes

Perspektive: Runter auf den Boden! Mehr nach rechts? Vielleicht hätte das gereicht, den Moschusochsen
gegen den Himmel als Silhouette abzubilden.

Moment: statisches Motiv, kann man nicht viel zu sagen

Wettbewerbschancen: ein Bild, das eine Jury bei genauerem Hinsehen dann doch nicht prämieren dürfte

Verkaufschancen: vielleicht aus der Sicht gut, dass viel Platz ist, um Text oder ähnliches einzubauen, viele nicht-Naturkundler werden das Tier aber nicht erkennen und sich fragen, warum das norwegische
Fremdenverkehrsamt jetzt mit Schafen wirbt

Fazit: Ich finde das Bild trotzdem schön und die Idee mutig, es trotz „einfachem“, weil schönem und akzentuiertem Licht in s/w umzuwandeln.




3.Bild


Autor des Bildes:     Philip Koßmann

Kommentator:         Marcus Sonntag

 
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Kommentar Marcus Sonntag


Ein auf den ersten Blick sehr ansprechendes Bild, das so auch hätte gemalt sein können. Das leichte Gegenlicht, welches sich im eigentlich dunkleren Blattwerk der Bäume des Vordergrundes findet, bewirkt, dass sich dieses klar vom umgebenden Hintergrund abhebt. Dadurch erhält das Bild die notwendige räumliche Tiefe. Verstärkt wird das noch durch die schräg einfallenden Sonnenstrahlen im Morgendunst.

Aus technischer Sicht ist das Bild sehr gut umgesetzt. Die Belichtung wurde so gewählt, dass in allen wichtigen Bildelementen Zeichnung erkennbar ist. Die gut im unteren Bildrand positionierte Lichtung erhält durch die Blätter der Bäume einen Rahmen, der das Auge leitet.Also störendes Element empfinde ich den hellen Bereich und den hereinhängenden Ast am oberen Bildrand. Durch das zweite „Lichtelement“ wird der Blick, der anfänglich auf die Lichtung geleitet wird, nach oben abgelenkt. Ebenfalls stört der in der Lichtung hereinragende Busch die Gesamtwirkung des Bildes. Beide Defizite hätten durch einen etwas höheren Kamerastandpunkt und das damit verbundene Kippen nach unten behoben werden können. Auch wäre ein noch mutigerer Ausschnitt des angedeuteten Panoramaformates eine gestalterische Möglichkeit gewesen. Hierdurch wäre auch das ins Bild hängende Astfragment abgeschnitten.


Fazit: Ein gut erkanntes Motiv mit leichten Mängeln in der Bildgestaltung, technisch sauber umgesetzt und mit künstlerischem Aspekt.



4.Bild


Autor des Bildes:    Kevin Winterhoff

Kommentator:         Marcus Sonntag

 
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Kommentar Marcus Sonntag


Ein Reiher auf Beutezug im ersten oder letzten Licht. Ein Motiv, das jeden Tierfotografen die Kamera zücken lässt. Durch das starke Gegenlicht reduzieren sich die farblichen Inhalte auf lediglich zwei dominante Tonwerte. Völlig ausreichend für ein ausdrucksstarkes Bild. Die Belichtung wurde auf die reflektierende Wasseroberfläche abgestimmt, wodurch es keine überbelichteten „ausgefressenen“ Stellen gibt. Leider verliert dadurch der Reiher jegliche Zeichnung. Eine geringfügige Aufhellung der dunklen Tonwerte hätte hier Abhilfe geschaffen.

Gestalterisch bietet das Bild Mängel. Die Dominanz des tiefschwarzen oberen und rechten Bereiches erdrückt die eigentliche Szene. Das Auge wird vom Hauptmotiv, dem Reiher, abgeleitet und versucht in diesen dominanten Bildrandsegmenten Strukturen oder Informationen zu suchen.

Weiterhin geht die Bewegung des Reihers durch die Positionierung am linken Rand aus dem Bild heraus. Dieses „herausdrücken“ wird durch die dominanten schwarzen Flächen noch verstärkt.

Beide Mängel hätten sich durch einen anderen Ausschnitt vermeiden lassen. Dadurch hätte der Reiher anders positioniert werden können und der schwarze Uferverlauf, der etwas kleiner als Teil des Bildes sicher notwendig ist, sich weniger aufdringlich dargestellt.

Durch einen niedrigeren Kamerastandpunkt hätte das Bild eine größere räumliche Tiefe bekommen. Die Unschärfe hinter dem Reiher wäre weicher ausgefallen, wodurch die Freistellungswirkung des Tieres noch größer gewesen wäre.


Fazit: Eine schöne Situation, die technisch recht gut umgesetzt wurde. Die gestalterischen Möglichkeiten wurden leider nicht komplett ausgenutzt.