Monatskritik
Oktober - November 2009
Für unsere erste Monatskritik haben sich die zwei sehr erfahrenen Naturfotografen und GDT Mitglieder Winfried Wisniewski und Heike Odermatt die Zeit genommen und jeweils 2 Bilder der jungen Naturfotografen ausgewählt und ausführlich kommentiert.
Sie haben sich jeweils aus den Einsendungen ihren Favoriten und ein Bild mit Potenzial ausgesucht.
Kommentar von Winfried Wisniewski
Der Autor stellt hier eine klassische Makroaufnahme vor: „Bläuling an Grashalm“ im Hochformat.
Die Entscheidung fürs Hochformat ist sinnvoll. Wir sehen mehrere nebeneinander laufende Strukturen im Bild, die im Sinne einer Bilddiagonalen von unten rechts nach oben links verlaufen. Da ist zum einen der Halm, an dem der Schmetterling sitzt, zum anderen ein parallel laufender Grashalm im Unschärfebereich. Dieser gekonnte Bildaufbau gibt dem Bild Höhe, erzeugt Spannung.
Dahinter gibt es einige „fleckig“ angeordnete Strukturen im Hintergrund. Der Hintergrund ist schön abgerückt und unstrukturiert, alles wie im Lehrbuch. Die Belichtung ist gelungen.
Der Hintergrund ist dennoch aus meiner Sicht die „Achillesferse“ dieses Fotos. Ich mag Hintergründe nicht, die den Bildgegenstand vor einem hellen, weißgrauen „käsefarbenen“ Himmel zeigen. In meinen Augen hätte dem Foto ein sattgrüner Hintergrund gut getan. Und vielleicht wäre eine Lichtquelle im Hintergrund geeignet gewesen, dem Bild ein wenig mehr Spannung zu verleihen und die wunderschönen Tautropfen des Aufnahmemorgens zu betonen.
Fazit: Eine ordentliche Aufnahme mit vielen gut gelösten Gestaltungselementen, aber dem Nachteil des zu hellen Hintergrundes.
Kommentar von Werner Bollmann
Ich teile Winni's Meinung bzgl. des Hintergrundes überhaupt nicht. „Grüner Hintergrund“ ist total „Nineties“! Gerade in der Helligkeit und Duftigkeit liegt der Reiz des Bildes. Es drückt Leichtigkeit aus und auch Weite. Diese Bilder mit ruhigem, dunklem (gerne in Komplementärfarben zum Motiv gehaltenen) Hintergrund waren mal das höchste Ziel aller Makro-Fotografen, aber sie wirkten immer total zweidimensional. Der Hintergrund diente lediglich als ruhige Kulisse für das Motiv, das, zumeist groß abgebildet, der Star des Bildes war. Inzwischen geht der Trend zu einer anderen Art von Makrobildern: Die ganze Komposition ist eher ein Ensemble, der Hintergrund hat Mitspracherecht, da gibt es Reflexe, Strukturen, etc. Oft ist das „Hauptmotiv“ auch sehr klein im Bild. Mir gefällt das ausgesprochen gut. Und aus genau diesem Grund habe ich das Bild auch für den Zufallsgenerator unserer Seite ausgewählt. Winnis weiteren Beurteilungen stimme ich hingegen in vollem Umfang zu ;)
Kommentar
Ich finde es gut, dass Fotografen auch mal mehr experimentieren und nicht nur die Standardregeln der Fotografie einhalten. Im ersten Moment, als ich das Bild sah, gefiel mir der Bildaufbau, aber mit dem Hintergrund als solches konnte ich noch nicht so viel anfangen.
Was ist die Verbindung vom Hintergrund zum Mufflon?
Wenn man ein Tier so in die Ecke setzt dann muss, so finde ich, in irgendeiner Weise eine Beziehung mit dem Rest des Bildes hergestellt werden. Bei längerem Betrachten entdeckte ich, dass ein bestimmtes Gleichnis besteht zwischen den Bäumen und dem Mufflon. Die Farben sind bei beiden gleich: unten rötlich und weiss und oben mehr graubraun, das gefällt mir. Der obere dunklere Rand im Bild stört mich, ohne ihn wirkt das Bild schon sprechender und kommen die Farben der Bäume und des Mufflons schon besser zur Geltung. Schade finde ich auch, dass das Mufflon “an dem dicken Baum festklebt”
Ein Bild mit Potenzial, aber für mich noch nicht perfekt.
Kommentar von Winfried Wisniewski
„Sumpfohreule auf Weidezaun“
So lange goutiert man diesen Naturfototyp „Tier in der Landschaft“ noch gar nicht bei uns. Victor Hasselblad (Schweden) und in der Folge Hannu Hautala (Finnland) waren die prominenten Autoren solcher „Skandinavischen“Tierbilder. Bis dahin (etwa Anfang der 90-er Jahre) hatten Tierfotos von freilebenden Tieren gefälligst formatfüllend zu sein. Wer dieses Foto sieht, kann diese Auffassung von Tierfotos kaum nachvollziehen.
Vier Dinge sprechen den Betrachter an:
1. Intensität/Emotionalität
Eine Sumpfohreule in ihrem angestammten Lebensraum (vielleicht hinter dem Deich?) auf einem Zaunpfahl – wunderschön! Der kleine Vogel in der Weite dieser Landschaft – ansprechend!
2. Licht
Das allerletzte sehr weiche Licht des Tages ist in diesem Foto eingefangen. Es umfängt die Situation schmeichelnd. Nicht von ungefähr spricht man bei diesem Licht auch vom „golden light“ des frühen Morgens oder späten Abends.
3. Farbe
Durch das wunderschöne Gegenlicht erscheint das gesamte Bild einfarbig goldgelb, alles passt zueinander, alles ist aufeinander abgestimmt.
4. Bildaufbau
Der Vogel in seinem Lebensraum ist Gegenstand dieses Bildes. Die Sumpfohreule sitzt genau an der richtigen Stelle im Bild. Sie sieht ins Bild hinein. Mehrere Linien ziehen den Blick des Betrachters auf sich. Es sind die vertikalen Strukturen der Zaunpfähle im Vordergrund und die hohen senkrechten Strukturen der großen Bäume im Hintergrund. So ist die Wahl des Hochformats unmittelbar nachzuvollziehen. Im Vordergrund bilden die Zaunpfähle eine „kleine“ Bilddiagonale, die ein weiteres Gliederungs- und Gestaltungselement darstellt.
Fazit: Ein Foto, das schon höheren Ansprüchen der Tierfotografie genügt.
Kommentar von Heike Odermatt
Eule im Habitat. Für mich ein ausgewogenes Bild in schönem Gegenlicht. Der Zaun leitet das Auge durchs Bild. Dadurch, das die Eule auf diesem Zaun sitzt, wird man gleich auf sie aufmerksam. Bildaufbau stimmt, Alles liegt im Goldenen Schnitt, keine Zaunpfähle angeschnitten und keine störenden Details. Durch den Blickkontakt mit der Eule bleibt man von ihr ‘gefesselt’. Für mich ein Wettbewerbsbild.
Gratulation zu diesem Bild!


